Von und mit Kunst lernen
Ästhetisch-kreative Interventionen zur Gestaltung von Veränderungsprozessen
Welche Möglichkeiten bieten ästhetisch-kreative Interventionen für die Bewältigung und Gestaltung von Veränderungsprozessen? Wie können Sie diese erfolgreich umsetzen?
Welche Möglichkeiten bieten ästhetisch-kreative Interventionen für die Bewältigung und Gestaltung von Veränderungsprozessen? Wie können Sie diese erfolgreich umsetzen?Gehen wir von der Ästhetik aus. In der ursprünglichen griechischen Bedeutung heißt aisthesis sinnlich vermittelte Wahrnehmung. Auch das Handeln in Alltag, Wirtschaft und Natur ist ein ästhetisches und tief in der Kunst verankert, denn es vermittelt sich eben über sinnliche Wahrnehmung und Erfahrung. Ästhetik stellt durch diesen Wahrnehmungs- und Erfahrungshorizont einen subjektiven und ethischen Ansatz dar, der hilft, „für die Rätselhaftigkeit der Welt und des Anderen zu sensibilisieren“.
Die Künste waren lange Zeit der Inbegriff des ästhetischen Ausdrucks. Sie waren und sind Mittler zwischen der Welt der Nicht-Künstler und der Wahrnehmungsweise der Künstler. Doch spätestens seit Beuys seine berühmten Worte in die Welt geschleudert hat, dass jeder Mensch auch ein Künstler sei, ist diese Grenze gefallen. Die Wahrnehmungsweise von Künstlern, der sinnliche Zugang zu vagen, subjektiv unterschiedlich erlebten Phänomenen, wird auch im Alltag angewendet – und damit auch im Geschäftsalltag. Die ästhetische Perspektive wird zum Bestandteil produktiver und menschlicher Arbeit.
Führungskräfte stehen damit vor der Aufgabe, Zugang zu ihren sinnlichen Wahrnehmungs- und Interpretationsweisen zu gewinnen. Es geht um Kreativität, Sensibilität, Offenheit und Selbstvertrauen in die eigene, ganz persönliche Schöpferkraft – auch im höherem Lebensalter. Gerade diese Kompetenzen spielen für Unternehmen heute aufgrund des hohen Veränderungsdrucks eine zentrale Rolle für den wirtschaftlichen Erfolg.
Für unternehmerische Lern- und Entwicklungsprozesse bedeutet dies, mehr denn je den Fokus auf Vielschichtigkeit und Ganzheitlichkeit zu setzen, um Perspektivenwechsel zu ermöglichen, neue kognitive Inhalte zu schaffen, emotional tiefe Eindrücke und Bilder entstehen zu lassen sowie sinnliche Anker in Form von Bildern, Artefakten, Filmen etc. in den Alltag mitzunehmen. Um das Potenzial ästhetisch-künstlerischer Arbeitsweisen hierfür bestmöglich zu nutzen, hat sich für uns das folgende Grundmuster bewährt.
Die Grundstruktur ästhetisch-kreativer Interventionen
Am Anfang der Veränderungsprozesse, die wir in Unternehmen begleiten, steht ein Thema, das nicht nur in seinen modellhaften, rationalen Facetten ausgelotet werden soll, sondern auch in seinen Unschärfen, seinen Unbestimmtheiten, dem Vagen und nicht Greifbaren. Hierbei handelt es sich z. B. um Themen der Unternehmenskultur, der Führung, der Zusammenarbeit, der Werte und des Konflikts. Sie sind emotional bedeutsam und sprachlich schwer fassbar.
Dann wird entschieden, in welchem Genre das Thema bearbeitet wird. Wir entlehnen dabei dem jeweiligen Genre der Kunst Bausteine des künstlerischen Arbeitens, ohne dass wir den Anspruch erheben, künstlerisch zu arbeiten. Zu den Genres, denen diese Bausteine entnommen werden, gehören darstellende Kunst und bildende Kunst, Schreiben und Erzählen, Musik, Choreografie und Tanz, Dramaturgie sowie Film, Foto und Video.
Die Umsetzung der ästhetischen Interventionen verläuft in der Schrittfolge:
- Warming up
- Exploration
- Synthese
- Performance/Galerie
- Reflexion
- ggf. Re-Performance
Das Warming up enthält bereits die Elemente, mit denen im nachfolgenden Prozess gearbeitet werden soll. So beginnt das Erhellen von Führungssituationen (Thema) durch Szenen und szenische Folgen (Genre) mit der Bewegung durch den Raum, dem Zeigen von Gesten, dem Variieren der Bewegungen und Gesten.
In der Phase der Exploration wird das Material gesammelt, mit dem dann gearbeitet werden soll. An dieser Stelle wird einerseits das Thema präzisiert. Die Teilnehmer werden z.B. gebeten, Führungssituationen zu erinnern, die besonders gut und besonders problematisch waren. In einem Werte-Workshop wird an dieser Stelle erarbeitet, welche Werte im Unternehmen im Zentrum stehen.. Andererseits wird das Material zusammengetragen, das dem kreativen Ausdruck zur Verfügung steht. Arbeiten wir mit der darstellenden Kunst, wird ein Set an Bewegungsabläufen, Auftrittswegen, mimischen und gestischen Ausdrucksformen zur Verfügung gestellt. Arbeiten wir mit Mitteln der bildenden Kunst, wird ein Set an vielfältigen und unterschiedlichen stofflichen Materialien aus Metall, Textilien, Farben, Kunststoffen, Papier sowie verschiedenen Erden zur Verfügung gestellt.
In der Synthese werden Material und ästhetisch-künstlerische Elemente zusammengeführt. Die Teilnehmer überlegen z.B. nun, wie sie in Szenenfolgen oder Standbildern die von ihnen erarbeiteten Situationen oder Werte ins Bild bringen. In kleinen Gruppen stellen sie ihre Darstellungen zusammen und proben. Die Auseinandersetzung der Teilnehmer_innen im Spannungsfeld von Inhalt und darstellender Form bzw. von Inhalt und Material verbreitert das Blickfeld und vertieft die Auseinandersetzung.
In der Performance/Galerie werden im Anschluss die Arbeitsergebnisse den jeweils anderen Kleingruppen vorgestellt. Arbeiten wir mit der Bildenden Kunst, entsteht meist eine Form von Ausstellung. Musische und darstellende Formen führen zu einer Aufführung. Beide Varianten ermöglichen, zwei Sichtweisen in den Raum zu bringen: die Innenperspektive der Performer und die Außenperspektive der Betrachter. Während in der Kleingruppe eine Innenperspektive entwickelt wurde, kann durch die Beobachter die dissoziative Perspektive eingenommen werden. Gleichzeitig erleben die Teilnehmer durch die Aufführung die Veröffentlichung eines Arbeitsergebnisses – meist verbunden mit wertschätzendem Zuspruch. Das motiviert den Arbeits- und Lernprozess und involviert die Beteiligten geistig, emotional und körperlich. Das Lernen wird zu einem ganzheitlichen Prozess, der alle Sinne öffnet und alle Sinne fordert.
Im Anschluss an die Veröffentlichung der gemeinsamen kreativen Ergebnisse findet die Reflexion statt. Sie bezieht sich ebenfalls auf mehrere Ebenen. Zunächst werden die Ergebnisse interpretiert und reflektiert. Dann erfolgt eine Reflexion des individuellen schöpferischen Prozesses, sowie der Arbeitsprozesse und der Zusammenarbeit in den Gruppen. Die dritte Reflexionsebene resultiert aus den Perspektiven, die sich aus den unterschiedlichen Rollen heraus entwickeln. Die wesentliche Rollenachse ist immer die zwischen Akteuren und Betrachtern. Die Akteure schaffen aus ihren inneren Potenzialen Ergebnisse, die auf die Beobachter Wirkung ausüben, Eindruck erzeugen. Damit reinszenieren wir immer wieder die wichtigste soziale Situation der Arbeitswelt: das Erzeugen von Arbeitsergebnissen durch eine Gruppe von Menschen, die von einer anderen Gruppe wahrgenommen, interpretiert und bewertet werden, was wiederum auf das neuerliche Erzeugen der Arbeitsergebnisse wirkt. Im Ergebnis der Reflexion entstehen so vielfältige Einsichten, Klarheit, Einigung bis hin zu Verbesserungs- und Veränderungsvorschlägen.
An dieser Stelle werden die Interventionen meist beendet. Es ist jedoch auch möglich, noch eine Re-Performance, eine Wiederholung der Aufführung anzuschließen, um die vereinbarten Verbesserungen nochmals sinnlich zu verankern.
Eine systematische Einführung, umfangreiche Kompetenzen und spielerische Erfahrung mit kreativen Interventionen erhalten Führungskräfte, Change-Manager und Personalentwickler_innen in der Ausbildung zum Kreativcoach der LUMEN GmbH, die sich ebenso auch an Trainer_innen, Coachs und Berater_innen richtet. Im September 2011 beginnt in Berlin ein neuer Jahrgang des Weiterbildungszyklus, der neun Wochenendmodule zu darstellender und bildender Kunst, Storytelling, Dramaturgie, Foto und Film und vielen weiteren Genres beinhaltet. Am 30. August findet ein kostenloser Infoabend zur Ausbildung mit kreativer Kostprobe statt.
Firma
Die LUMEN GmbH hat sich in den vergangenen Jahren darauf spezialisiert, ästhetisch-künstlerische Ansätze und Methodiken zu entwickeln, in der eigenen Praxis einzusetzen und in der Ausbildung zum Kreativcoach weiterzugeben. Dabei vereint sie künstlerische wie ökonomische Perspektiven.
Aurorinnen
Dr. Karin Denisow ist Dipl.-Volkswirtin, Organisationsberaterin und Geschäftsführerin der LUMEN GmbH und seit 1991 in Forschung, Organisationsentwicklung und Weiterbildung tätig.
Nina Trobisch ist Dipl.-Theaterwissenschaftlerin, Dipl.-Dramadozentin und Systemischer Coach sowie Forschungsleiterin des Projekts „Innovationsdramaturgie nach dem Heldenprinzip“ an der Universität der Künste Berlin.